Ein deutsches Leben von Christian Krönes u.a.

Brunhilde Pomsel war von 1942 bis 1945 die Sekretärin von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Noch nach dessen Selbstmord tippte sie im Bunker Schriftsätze und wurde unmittelbare Zeugin des Untergangs. Dennoch bezeichnet sie sich immer als "unpolitisches Mädchen", eine Randfigur, die keine Ahnung von den Grausamkeiten des dritten Reiches hatte. In "Ein deutsches Leben" legt sie nun erstmals umfassend Zeugnis über ihre Erfahrungen in Hitlers engstem Zirkel ab. Dabei handelt es sich zugleich um eine Art selbst gesprochenen Nachruf: Im Jänner 2017 stirbt Brunhilde Pomsel im Alter von 106 Jahren.


Brunhilde Pomsel war von 1942 bis 1945 die Sekretärin von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Noch nach dessen Selbstmord tippte sie im Bunker Schriftsätze und wurde unmittelbare Zeugin des Untergangs. Dennoch bezeichnet sie sich immer als „unpolitisches Mädchen“, eine Randfigur, die keine Ahnung von den Grausamkeiten des dritten Reiches hatte. In „Ein deutsches Leben“ legt sie nun erstmals umfassend Zeugnis über ihre Erfahrungen in Hitlers engstem Zirkel ab. Dabei handelt es sich zugleich um eine Art selbst gesprochenen Nachruf: Im Jänner 2017 stirbt Brunhilde Pomsel im Alter von 106 Jahren.

 

 

Nach diesem Film musste ich erst einmal ordentlich durchatmen. „Ein deutsches Leben“ ist keinesfalls ein Film, den man nur nebenbei anschauen kann. Das liegt vor allem daran, dass der Film fast keinen Szenenwechsel bietet, zu 80 Prozent der Laufzeit sieht man lediglich Pomsels Gesicht in einem extrem nahen Close up. Dies entwickelt zwar die beabsichtigte Wirkung, ist aber mit der Zeit ein wenig anstrengend. Außerdem setzt der Film einiges an Wissen voraus, da Pomsel hier ihre persönliche Geschichte erzählt und es (bis auf einige historische Film- und Audioaufnahmen) keine Hintergrundinfos für die Zuschauer gibt.

Bei Pomsels persönlicher Lebensgeschichte habe ich auch die meisten Probleme mit dem Film: So etwas wie eine kritische Reflektion des Erzählten wird nicht geboten.  Das fällt auf, wenn Pomsel davon redet, dass sie von den Verbrechen der Nazis keine Ahnung hatte und wie schön es gewesen sei, für Goebbels (den sie als angenehmen Chef beschreibt) zu arbeiten. Vor allem bei ersterem hätte ich mir gewünscht, dass man Pomsel nicht nur frei reden lässt, sondern ihr kritische Rückfragen stellt. Pomsel habe alles mit Pflichtbewusstsein entschuldigt und hätte sehen können, was vor sich geht, wenn sie es gewollt hätte, so Regisseur Krönes. Ich hätte das gerne auch im Film gesehen, auch an der Stelle, an der sie zwar Sophie Scholls Mut preist, im selben Satz aber sagt, dass es dumm gewesen sei, wegen ein paar Flugblättern zu sterben.

Pomsel zeigt sich in dem Film als widersprüchlicher Mensch. Sie bezeichnet sich zwar als unpolitisch, tritt aber dennoch, in Begleitung ihrer jüdischen Freundin, der NSDAP bei. Tagsüber arbeitet sie bei einem jüdischen Anwalt, nachmittags bei einem Nazi und Weltkriegsveteran, der seine Memoiren schreiben möchte. Sie sagt zwar, dass sie nie in die Akten geschaut und nichts vom Massenmrod an den Juden mitbekommen hat, ihre schon erwähnte jüdische Freundin soll sie aber bitte nicht in Goebbels Büro besuchen kommen. Auffallend ist auch, dass Pomsel bei diesen Thema mit den Worten immer sparsamer und knapper wird, während sie sonst alles sehr ausführlich und sehr lebendig erzählt. Wenn sie dann vom Tod von Goebbels Kindern erzählt und berichtet, wie sie erfuhr, dass ihre beste Freundin nicht mehr lebt, dann wirkt das beinahe emotionslos. Ich glaube Pomsel, dass sie nun selbst glaubt, von nichts gewusst zu haben und dass es wahrscheinlich ihr ganzes Leben in Anspruch genommen hat, diese Fiktion aufrecht zu halten. Abkaufen tue ich ihr diese aber trotzdem nicht.

Wie bereits weiter oben angemerkt, zeigt der Film einige historische Filmaufnahmen: Diese haben es wirklich in sich. „Rassenstudien“ der Nazis. Nackte, verhungert wirkende Leichen werden zu Dutzenden in Massengräbern verscharrt (vorher sieht man noch den Transoprt auf auf Schubkarren). Menschen, die nach der Befreiung durch die Alliierten so aussehen, dass man sich nur noch schockiert fragt, wie sie noch am Leben sein können. Ich halte viel aus, aber diese Szenen haben mich noch lange danach beschäftigt. Das ist alles wichtiges Material und könnte – bei eintsprechender Vorbereitung – auch Jugendlichen gezeigt werden. Aber 12-jährigen auf keinen Fall. Manchmal muss ich mich schon wundern, was die FSK so alles ab 12 freigibt.

Was einem „Ein deutsches Leben“ am eindrucksvollsten vor Augen führt: Niemand kann heute sagen, wie er damals reagiert hätte, ohne zu wissen, was noch kommen würde. Jeder hätte mindestens zum Mitläufer werden können. Daher ist es umso trauriger, dass sich Brunhilde Pomsel offenbar nie so ganz aus der Anziehungskraft, die Goebbels auf sie ausübte, befreien konnte. Ich empfehle diesen Film trotz aller Abstriche weiter und schaut euch im Vergleich hierzu auch „Im toten Winkel“ mit Hitlers Sekretärin Traudl Junge an. Sie war in einer ganz ähnlichen Position wie Pomsel, hatte später aber einen wesentlich diferenzierteren Blick auf diese Zeit und war sehr viel kritischer mit sich selbst und ihrer jugendlichen Naivität. Schaut euch beide Filme an.

 


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