Filme von A bis Z: K wie Kinski – Jesus Christus Erlöser

Am 20. November 1971 hatte das Programm "Jesus Christus Erlöser" von Klaus Kinski in der Deutschlandhalle in Berlin-Westend seine Premiere. Geplant war ein 90-minütiger Vortrag Kinskis, in dem er "sein" Bild von Jesus präsentieren wollte, das sich maßgeblich von dem des "offiziellen Kirchenjesus", wie Kinski die Version der katholischen Kirche nennt, unterscheidet. Nur: Teile des Publikums hatten an einem Vortrag offenbar kein Interesse. Von Anfang an gab es Zwischenrufe, die in meinen Augen nur darauf aus waren, Kinski zum Toben zu bringen. Ein paar Beispiele: "Arschloch!" oder, an einer Stelle an der Kinski über Armut sprach: "Der hat ja schon seine Millionen vom Film!" Wie gesagt: Diese Zwischenrufe gab es von Anfang an und nicht etwa, weil Kinski etwas besonders Provokantes gesagt hatte. Man wollte Kinski - wie es Werner Herzog in seinem Film "Mein liebster Feind" auch sagt - toben sehen.  Kinski war anfangs für seine Verhältnisse sogar einigermaßen gefasst. Klar hat er die Leute dazu aufgefordert, die Schnauze zu halten und dass er ihnen das nicht unbedingt durch die Blume gesagt hat, kann ich ihm nicht einmal verdenken. Kinski "bittet" einen der Störenfriede auch auf die Bühne, damit dieser dort vor allen Leuten seinen Sermon zum Besten geben kann. Kinskis Antwort war dann in etwa so, wie man sie sich von ihm vorstellt:


Am 20. November 1971 hatte das Programm „Jesus Christus Erlöser“ von Klaus Kinski in der Deutschlandhalle in Berlin-Westend seine Premiere. Geplant war ein 90-minütiger Vortrag Kinskis, in dem er „sein“ Bild von Jesus präsentieren wollte, das sich maßgeblich von dem des „offiziellen Kirchenjesus“, wie Kinski die Version der katholischen Kirche nennt, unterscheidet. Nur: Teile des Publikums hatten an einem Vortrag offenbar kein Interesse. Von Anfang an gab es Zwischenrufe, die in meinen Augen nur darauf aus waren, Kinski zum Toben zu bringen. Ein paar Beispiele: „Arschloch!“ oder, an einer Stelle an der Kinski über Armut sprach: „Der hat ja schon seine Millionen vom Film!“ Wie gesagt: Diese Zwischenrufe gab es von Anfang an und nicht etwa, weil Kinski etwas besonders Provokantes gesagt hatte. Man wollte Kinski – wie es Werner Herzog in seinem Film „Mein liebster Feind“ auch sagt – toben sehen.  Kinski war anfangs für seine Verhältnisse sogar einigermaßen gefasst. Klar hat er die Leute dazu aufgefordert, die Schnauze zu halten und dass er ihnen das nicht unbedingt durch die Blume gesagt hat, kann ich ihm nicht einmal verdenken. Kinski „bittet“ einen der Störenfriede auch auf die Bühne, damit dieser dort vor allen Leuten seinen Sermon zum Besten geben kann. Kinskis Antwort war dann in etwa so, wie man sie sich von ihm vorstellt:

(Der Clip ist übrigens falsch zusammengeschnitten, der erste, der auf der Bühne auftaucht ist hier der zweite glaube ich.)

Es ist übrigens interessant zu sehen, dass manche von diesem Vortrag offenbar intellektuell überfordert waren, oder wie ist das „ich glaube, er ist es nicht“ zu verstehen? Hat der Typ echt geglaubt, dass Kinski sich für Jesus hält? Natürlich kann man argumentieren, dass zu dieser Zeit die Diskussionskultur, wie wir sie kennen, gerade erst im Entstehen war und jeder alles politisieren und unbedingt seinen Standpunkt präsentieren wollte. Das macht das Verhalten dieser Idioten aber nicht besser, denn einen Künstler permanent und absichtlich bei einem Vortrag zu stören, für den – nebenbei bemerkt – ein paar tausend Leute Geld bezahlt haben, um ihn zu hören (und denen man so auch den Abend verdirbt), ist einfach ein absolut unmögliches Verhalten. Man kann eben nicht einfach die Bühne stürmen, dort deponieren, dass man jetzt „auch etwas sagen“ möchte und dann allen Ernstes erwarten, dass der Künstler einem einfach so das Mikro reicht und man loslegen kann. Ich stell mich ja auch nicht bei einem Rockkonzert auf die Bühne und sage zum Beispiel zu Axl Rose, dass er mich jetzt gefälligst mitsingen lassen soll (ganz zu schweigen davon, dass Axl wohl keine Probleme damit hätte, mich – im Gegensatz zu Kinski – ohne Bodyguard kopfüber von der Bühne zu befördern).

Verhältnis Künstler – Publikum
Die DVD ist auch für jeden aufschlussreich, der schon immer einmal mehr über das Verhältnis von Künstlern und ihrem Publikum wissen wollte. Man sieht hier sehr gut, wie abhängig ein Vortragender von seinem Publikum eigentlich ist. Wenn die Leute dich fertigmachen wollen, dann hast du vorne keine Chance darauf, deinen Text unters Volk zu bringen. Dass manche Erwachsene offenbar wie kleine Kinder ihre Freude daran haben, einen anderen zu unterbrechen und zur Weißglut zu treiben (einen echten Willen zur Diskussion kann man auch bei denen nie erkennen, die dies – auch dem Veranstalter gegenüber – immer wieder beteuern, nicht erkennen), wohl wissend, dass man gerade dabei ist, dem Rest der Anwesenden den Abend zu verderben. Deshalb ist es Kinski auch hoch anzurechnen, dass er um Mitternacht noch einmal herausgekommen ist, um seinen kompletten Vortrag vor den 100 bis 200 Menschen zu halten, die bis zu diesem Zeitpunkt ausgeharrt haben.
Der Film „Kinski – Jesus Christus Erlöser“ ist in mehr als einer Hinsicht sein Geld wert, da man hier nicht nur Kinski in Hochform sieht, sondern auch einen Blick darauf werfen kann, wie das Wort „Diskussionskultur“ von manchen Menschen ausgelegt wird und wie der Künstler von seinem Publikum abhängig ist.


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Gunnar Wilhelmi
Gunnar Wilhelmi
5. November 2015 18:09

Sie haben sich den Film aber auch wirklich bis zum Schluss angesehen? Das Publikum, welches WIRKLICH das Traktat anhören wollte, bestand offensichtlich aus kaum 100 Mann und bekam den dann durchaus noch geboten.

Im Übrigen ist es seit der Erfindung des Theaters keineswegs unüblich, dass sich Publikum in der Vorstellung negativ äußert, oft sogar unter Einsatz verdorbener Lebensmittel. Kinski selber macht hier den entscheidenden Fehler, als er die vierte Wand bricht und einen der Störer die Bühne überlässt. Von da an geriet die Sache außer Kontrolle.

Man sollte das Stück auch IMMER im Zusammenhang mit einem Interview sehen, welches Kinski einer Reporterin im Vorfeld gab, bzw. eher NICHT gab. Hier wird offensichtlich, dass er gar keine Gründe für seine "Neuinterpretation" vorweisen kann. Er stammelt nur rum, verstrickt sich in Widersprüche und kommt hier einfach zu spät. Nichts wirkt wenig glaubwürdig und von einer Neuinterpretation kann überhaupt keine Rede sein. Er folgt hier eher auf dem damaligen Zeitgeist ohne ihn zu verstehen. Wo er zuvor noch Jesus als "Anarchist" feiert, versteckt er sich später hinter der Staatsgewalt, die er zuvor noch "kritisiert" . Das ist lächerlich und diese Lächerlichkeit wird ihm dort vorgeführt. Als Schauspieler und Rezitator ist er tatsächlich ein Naturtalent. Auch die Passagen welche er hier rezitiert, sind sprachlich wie darstellerisch absolut imposant. Inhaltlich aber versagt er und wird durchaus zurecht zum Heuchler gestempelt.

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