Found Footage von Sandra Gambino und Michael Kirchfeld

Ein junges Ehepaar möchte ein entspanntes Wochenende beim Camping in der fränkischen Schweiz verbringen. In dem Waldstück, das sie sich dafür ausgesucht haben, verliert sich am 17. Juli 2009 ihre Spur. Gefunden wird nur eine Videokassette, von der lediglich die Tonspur rekonstruiert werden kann. Deren Inhalt wirft jedoch einige Fragen auf...


Ein junges Ehepaar möchte ein entspanntes Wochenende beim Camping in der fränkischen Schweiz verbringen. In dem Waldstück, das sie sich dafür ausgesucht haben, verliert sich am 17. Juli 2009 ihre Spur. Gefunden wird nur eine Videokassette, von der lediglich die Tonspur rekonstruiert werden kann. Deren Inhalt wirft jedoch einige Fragen auf…

 

Found Footage von Sandra Gambino und Michael Kirchfeld

…und zwar vor allem jene, was der ganze Scheiß eigentlich soll, denn hier stimmt wirklich gar nichts. Found Footage kann im Hörspielbereich hervorragend funktionieren, wie es zum Beispiel „Das Lufer Haus“ bewiesen hat. Schließlich ist es wesentlich glaubwürdiger, dass jemand ein eingeschaltetes Aufnahmegerät vergisst, während er um sein Leben kämpft, statt dass er oder sie ständig alles mit einer Videokamera filmt. Leider gibt es diesen Vorteil nicht mehr, wenn man extra konstatiert, dass es sich hier um die Tonspur eines Videos handelt. Schon fragt man sich als Hörer wieder, wie es denn sein kann, dass jemand tatsächlich so blöd ist, bei jeder lebensgefährlichen Situation lieber mitzufilmen und anscheinend keinen Wert darauf legt, beim Kampf auf Leben und Tod vielleicht beide Hände frei zu haben.

Found Footage von Sandra Gambino und Michael Kirchfeld, erschienen 2016.

„Found Footage“ ist inhaltlich ziemlich schwachbrüstig aufgestellt. So dauert es ganze 20 Minuten, bis die Handlung endlich in die Gänge kommt. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn das Hörspiel die übliche Länge von etwa einer Stunde hätte. Hier werden einem aber nur cirka 40 Minuten Hörgenuss geboten und das zum stolzen Preis von 15 Euro bei Amazon (unter zehn bekommt man die CD nirgends) und das ist die eigentliche Frechheit hier. Da besetzen sich zwei Möchtegern-Hörspielmacher selbst mit den beiden einzigen Rollen, labern die ganze Zeit irgendeinen Scheiß daher, und dann ist das ganze auch schon vorbei. Besonders „gelungen“: An einer Stelle beobachten unsere beiden Protagonisten irgend etwas arg Mysteriöses – und wie wird die Chose präsentiert? Ganz einfach, die zwei flüstern sich die ganze Zeit zu, was sie gerade sehen. Jetzt wäre das erstens gar nicht nötig, weil sie es doch FILMEN und noch gar nicht wissen können, dass man das später gar nicht sehen kann. Zweitens ist das Flüstern der Beiden so leise abgemischt, dass ich beim dritten Versuch frustriert aufgegeben habe, obwohl ich immer noch nicht alles hören konnte (und das, obwohl ich den Regler unserer Anlage schon so weit aufgedreht hatte, dass ich mit der nächsten Szene fast die Nachbarn aufgeweckt hätte). Man kann sich zwar unter Zuhilfenahme von jeder Menge Fantasie zusammenreimen, was hier gerade passiert, dass ein Hörspiel aber auch ein akustisches Ratespiel werden soll, wäre mir dann doch neu.

 

Hintergrundgeschichte? Fehlanzeige

Was das Hörspiel vielleicht noch zum Teil hätte retten können, wäre eine halbwegs interessante Hintergrundgeschichte gewesen. Aber nichts da, das einzige Stückchen Information, das einem vor die Füße geworfen wird, ist, dass ein Jahr zuvor offenbar ein paar Menschen in dem Wald um die Ecke gebracht wurden und die Mörder noch immer frei herumlaufen. Oder auch nicht, denn als die Frau darauf verständlicherweise wenig begeistert reagiert, quittiert ihr ehelicher Klotz am Bein das mit einem sinngemäßen „Höhö, hab dich nur verarscht.“ Und das war es auch schon mit der Hintergrundstory.

Dennoch habe ich das Gefühl, dass unter all den Unzulänglichkeiten das Grundgerüst einer zwar nicht originellen, aber mit Sicherheit unterhaltsameren Geschichte vergraben ist. Ich will hier mal einen Versuch starten und dieses Gerüst so abändern, dass dabei ein besseres Hörspiel herauskommt und bin gespannt, was ihr dazu sagt.

Wir beginnen mit einer Zusammenstellung von kurzen Nachrichtenmeldungen, die mit einem Diktiergerät aufgezeichnet wurden. Aus diesen geht hervor, dass in der fränkischen Schweiz vor einem Jahr mehrere Menschen spurlos verschwunden sind. Die Polizei hat zwar einen Hauptverdächtigen, musste diesen aber wegen fehlender Beweise wieder laufen lassen. Man geht dennoch davon aus, dass dieser mit dem Verschwinden der Vermissten in enger Verbindung steht. Da aber sämtliche Spuren im Sand verlaufen, kommen die Behörden mit den Ermittlungen schlicht nicht weiter und es ist keine Besserung in Sicht. Die Angehörigen der Verschwundenen haben sich daher dazu entschlossen, zwei private Ermittler anzuheuern, welche die Sache untersuchen sollen. Hier beginnt dann der klassische „Found Footage Teil“ (kann auch ruhig schon vorher beginnen mit einem Gespräch der beiden Protagonisten, zum Beispiel während sie kurz ihre Ausrüstung testen). Anhand ihrer Audioaufnahmen (ja, reine Audiodateien sind hier aus offensichtlichen Gründen besser als die Tonspur eines kaputten Videos) können die Hörer die Ermittlungen nachvollziehen. So sprechen die beiden mit den Menschen, die damals in die Geschehnisse verwickelt waren. Das könnte zum Beispiel einer der ermittelnden Polizisten, ein damaliger freiwilliger Helfer bei einem Suchtrupp, etc… sein. Wichtig ist dabei folgendes: Ihnen allen ist aufgefallen, dass in besagtem Wald etwas anders war als sonst. Sie können aber nicht den Finger darauf legen, was genau war, oft war es nur ein Gefühl, eine andere (unheimlichere) Atmosphäre, etc. Die letzten Interviewpartner sollten auf jeden Fall jemand sein, der sich mit der Geschichte der Region auskennt und die Person, die für die Polizei der Hauptverdächtige ist. Die wichtigste Erkenntnis aus dem ersten Gespräch ist, dass es in der Region immer wieder zu ungeklärten Vermisstenfällen kommt, die aber niemand miteinander in Verbindung bringt. Bis jetzt zumindest. Aus dem Gespräch mit zweiterem ist erkennbar, dass dieser sich natürlich gerne von dem Verdacht reinwaschen würde und dass seine Darstellung der Ereignisse dem widerspricht, wovon die Behörden ausgehen. Für die beiden Ermittler kristallisiert sich so heraus, dass sie selber in den Wald müssen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Da die Polizei eine weitere Suche ohne neue Hinweise für sinnlos hält, müssen sie sich etwaige Hilfe anders organisieren (so könnte sich der vorhin angesprochene freiwillige Helfer als ortskundiger Führer anbieten, etc…). Da sich die Spuren der beiden Ermittler aber ebenfalls verlieren und nur ihre Aufzeichnungen gefunden werden konnten, kann man sich denken, welchen Verlauf die weitere Geschichte nimmt…

Damit gewinnt man zwar nicht unbedingt Originalitätspreise (es ist eben von Blair Witch Project inspiriert), man könnte so aber eine schlüssigere Hintergrundgeschichte und mehr Spannung aufbauen. Vor allem käme man so auch locker auf eine Länge von etwa 70 bis 75 Minuten. Da wäre der angesprochene Preis von 15 Euro viel eher gerechtfertigt, da man so mehr bietet als zwei Menschen, die sich durch ein Hörspiel gewordenes Nichts von einer Geschichte labern.

 

Fazit zu Found Footage

Found Footage ist vielleicht als Schlafmittel brauchbar, aber sicher nichts für einen gelungenen Hörspielabend. Finger weg!

 


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