Charlotte Roche verlässt die Stadt – und schreibt einen blöden Kommentar dazu

Manchmal findet man im Netz oder in anderen Medien Artikel, bei denen man glauben könnte, dass der Autor/die Autorin keine Sekunde lang einen Gedanken daran verschwendet hat, ob das Geschriebene auch irgendeinen Sinn macht. Torsten Dewi zerlegt auf seiner Website gerade einen solchen von Serienfuchs.de und auf seiner FB-Seite hatte er einen verlinkt, zu dem ich einiges sagen möchte. Dabei handelt es sich um einen Artikel, in dem die Autorin über die Vorzüge des von ihr gerade neu entdeckten Landlebens schreibt. Bevor ihr weiterlest, wäre es von Vorteil, zuerst den Text von ihr zu lesen: Zu Charlotte Roches Kommentar:  Verlasst die Städte :


Manchmal findet man im Netz oder in anderen Medien Artikel, bei denen man glauben könnte, dass der Autor/die Autorin keine Sekunde lang einen Gedanken daran verschwendet hat, ob das Geschriebene auch irgendeinen Sinn macht. Torsten Dewi zerlegt auf seiner Website gerade einen solchen von Serienfuchs.de und auf seiner FB-Seite hatte er einen verlinkt, zu dem ich einiges sagen möchte. Dabei handelt es sich um einen Artikel, in dem die Autorin über die Vorzüge des von ihr gerade neu entdeckten Landlebens schreibt. Bevor ihr weiterlest, wäre es von Vorteil, zuerst den Text von ihr zu lesen: Zu Charlotte Roches Kommentar:  Verlasst die Städte :

 

Ich werden mir im Folgenden jene Zitate (kursiv) rauspicken, die mir besonders „gut“ gefallen.

 

Er schlägt mir trotzdem auf die Motorhaube, zeigt den Mittelfinger, ruft „Dreckigekackfotze“ und fährt weiter.

Fluchende und schimpfende Idioten gibt es auch auf dem Land. Ist übrigens eine schön manipulative Episode, diese Geschichte. In der Stadt ist alles böse, das Land ist das allerschönste Idyll. Am Arsch.

 

Immer dieser Krieg der verschiedenen Interessen. Der Kampf um den unterschiedlich genutzten Raum.

Das ist ein Punkt, in dem ich Charlotte Roche teilweise recht gebe. Der mangelnde Platz kann in Ballungszentren zum Problem werden.

 

Im Park: Eine kleine Fläche, die künstlich angelegt wurde, um Städter ein wenig zu beruhigen, sie sehen mal, wie Gras aussieht und kleine, vor kurzem gepflanzte Bäume, damit sie die Seele baumeln lassen, aber nur ein mini-bisschen! Trumanshow lässt grüßen. In der Stadt in einem Park sein, im Vergleich zu dem Gefühl, in einem echt großen Wald zu sein, das ist wie der Unterschied zwischen Virtual-Reality-Sex und Sex mit jemandem, der das super kann und den man liebt und dem man vertraut.

Mag sein, dass wir als Wiener vom Schönbrunner Schlosspark, dem Volksgarten und anderen ähnlichen Anlagen verwöhnt sind, aber das Problem, dass uns die Parks zu klein werden, hatten wir hier noch nie. Das ist auch gar nicht das Hauptproblem, das ich mit diesem Absatz habe. Vielmehr hab ich mich gefragt, wieso Frau Roche sich im Park ständig beobachtet fühlt. Könnte eventuell an ihrer Prominenz liegen. Oder vielleicht bin ich einfach zu langweilig dafür, dass mir die Menschen ständig hinterher starren. Truman Show hatte ich jedenfalls noch nie.

 

Nicht aufgehobene Hundehaufen gehören zur Stadt wie Kotzehaufen und Menschenhaufen. Wenn Sie sich fragen, wie stellt Charlotte den Unterschied zwischen Hundehaufen und Menschenhaufen fest, liegt es am Studium des Losungsbuchs? Nein, man erkennt es am Taschentuch daneben! Menschenlosung findet man meistens an Wochenenden, morgens, zwischen geparkten Autos. Wie oft kommen wir aus der Wohnung raus und es wurde auf unsere Motorhaube gekotzt? Die Stadt ist einfach keine artgerechte Haltung für Menschen!

Schon witzig, dass ich das gerade an dem Tag lese, an dem uns jemand unter die Kellerstiege im Wohnhaus geschissen hat. Als wir noch im Studentenwohnheim lebten, ist es auch einmal passiert, dass es jemand nicht in seine Wohnung geschafft und uns direkt auf die Türmatte gepisst hat, sodass wir hinterher die ganze Suppe im Vorzimmer hatten (war eine super Überraschung am Sonntagmorgen). Das liegt aber nicht an einer angeblich nicht artgerechten Haltung der Menschen. Das kann jeder bestätigen, der auf dem Land mal ein Zeltfest besucht und darauf achtet, wo die Besoffenen über hinpinkeln, hinkacken und hinkotzen. Manche Menschen sind einfach Schweine, völlig egal, wo sie leben. Das ist aber nicht die Schuld der Stadt.

 

Ich kenne die Einwände der Städter, habe ich auch alle benutzt: »Aber wenn ich mal was vergesse im Supermarkt, kann ich das schnell im Kiosk noch spät abends kaufen!« Eigentlich nur interessant für Alkohol- und/oder Zigaretten- und/oder Zuckerabhängige. Bin ich alles nicht.

Oder auch für Menschen wie mich, die immer wieder feststellen, dass sie schon wieder die Eier/Milch/Brötchen vergessen haben. Dass ich hier die Möglichkeit habe, auch spätabends oder sonntags das Nötigste zu kaufen, hat mir schon mehr als einmal den Arsch gerettet.

 

»Aber wenn ich spontan ins Kino will, gehe ich einfach!« Mir nie passiert. Nicht einmal! Unsere Kinobesuche sind von langer Hand geplant, alle wollen vorher was gesundes Essen gehen, weil wir den Scheiß, der im Kino angeboten wird, nicht aushalten.

Dann würde ich empfehlen, sich das Kinoprogramm mal etwas genauer anzuschauen. Dort läuft nämlich nicht nur Blockbusterscheiße, es gibt viele sehr schöne Programmkinos, die gute Filme zeigen. Gut, auf dem Land vielleicht weniger… Falls sie damit das Essen im Kino meinen: Klar, Haubenküche wird dort nicht serviert. Dafür gibt es in der Stadt eine wesentlich größere Auswahl an Restaurants und nicht nur das obligatorische Dorfgasthaus (nichts gegen die Gasthäuser, ich mag die selber sehr gerne).

 

»Aber wenn jemand einen spontan besuchen will, haben sie es nicht so weit.« Überraschungsbesuche? Horror! Wenn es klingelt außerhalb der Zeit, wo es DHL sein könnte, würden wir aus Todesangst vor Überraschungsbesuchen von Freunden niemals die Tür öffnen, egal wie oft sie klingeln.

Das finde ich auch unmöglich. Punkt für Charlotte Roche.

 

»Aber die Kultur!« Okay, wenn das jetzt Euer Killerargument ist, hier ist meine Antwort: NETFLIX-ABO.

Dann druck dir doch dein schönes NETFLIX-ABO aus und versuch anschließend, mit dem Wisch in der Hand einen Sitzplatz im Theater, Einlass in ein Museum, oder in die Nationalbibliothek zu bekommen. Netflix kann einem das Gefühl, mit anderen Menschen in einem Theater zu sitzen und ein Stück zu genießen, nie im Leben ersetzen. Generell geht es bei diesem Argument um Dinge, die man auf dem Land eben nicht so leicht bekommen kann. Auf dem Land wird man nur sehr selten Werke berühmter Maler in einer Ausstellung bewundern können. Ein Schauspiel von Shakespeare sieht man dort auch nicht allzu oft. Hier in der Stadt habe ich diese Möglichkeiten schon allein wegen der vorhandenen Infrastruktur. Dass jemand, der „Autorin“ als Berufsbezeichnung führt, nicht dazu in der Lage ist, auf das Argument mit der Kultur entsprechend zu antworten, das tut RICHTIG weh. Dieses Unverständnis dafür, dass eben jene Kultur nicht nur mit Fernsehen zu tun hat, will mir nicht in den Kopf.

 

Der Indianer in mir vermisst echte Erde unter den Füssen. Die Bäume in der Stadt sind eingemauert oder umgeben von Asphalt. Nachts sieht keiner Sterne. Da fehlt dann die Demut vor dem Universum, denn wir denken: Wir sind der Sternenhimmel, wir leuchten mehr als die Sterne. Aufm Land, immer wenn ich draußen bin im Dunkeln, gibt’s diesen kurzen Blick zum Himmel, ich werde klein, unbedeutend, ich verstehe das große Weite nicht, das ist nur eins von vielen Universen. Bäm im Kopf! In der Stadt ist der Blick ins All verhindert. Durch Nachtbeleuchtung. Ey, bitte! Dass das überhaupt erlaubt ist.

Poetisch formulierter Quatsch. Erstens gibt es auch auf dem Land genug Deppen, die sich für den Mittelpunkt des Universums halten. Zweitens sieht man auch hier die Sterne. Vielleicht mal nach oben schauen, wenn keine Wolken da sind? Nur ne Idee. Und was den letzten Satz angeht: Bitte, drehen wir die Lichter ab. Wir müssen eh nicht wissen, wo wir langfahren und -gehen. Charlotte Roche zahlt dann sicher gern für die Kollateralschäden.

 

Was ist, wenn ganz viele Straftaten begangen werden von Menschen, die eigentlich die Stadt nicht mehr aushalten und einfach mehr grün sehen müssten. Sie wenden sich, wie Ratten im Experiment, gegen die eigenen Kollegen, weil alles zu nah und eng ist.

Danach kommt noch ein Haufen Fragen, die den Rest des Stadtlebens in ein schlechtes Licht rücken sollen. Aussage: In der Stadt gibt es viel Kriminalität, alle KollegInnen mobben sich gegenseitig und alle Menschen werden in der Stadt viel schneller krank. Alles klar?

Was mir an Charlotte Roches Artikel sauer aufstößt: Dieser humorlose Grundton der gerade erst Bekehrten, den so viele „frisch gefangene“ Nichtraucher, Nichttrinker, etc auch haben, wenn sie verächtlich über ihre ehemaligen Laster reden. Dann werden Argumente, die man früher selbst verwendet, absichtlich verdreht (ich bin immer noch nicht über das Netflix-Abo hinweg) und alles, was einem früher gefallen hat, ist plötzlich des Teufels. Noch schlimmer ist dann nur noch, dass viele auch den Menschen, die beim neuen Lebenswandel nicht mitziehen möchten, bestenfalls mit Unverständnis, oft aber auch mit Herablassung und Verachtung begegnen (wobei ich das Charlotte Roche nicht unterstellen möchte). Dass es anderen in der Stadt gefällt, und/oder sich nicht jeder so einen Umzug leisten (finanziell oder auch wegen des eigenen sozialen Umfelds) kann und will? Zählt alles nichts.

Ich kann mit so einem missionarischen Eifertum, wie ich es hier herauslese, einfach nichts anfangen.

 

 

 


Subscribe
Benachrichtige mich zu:
guest

2 Comments
älteste
neuste beste Bewertung
Inline Feedbacks
View all comments
MartinPer
MartinPer
21. Februar 2020 17:50

Gut zwanzig Leute versuchen zu verhindern, dass der Moderator (ich) eine Passage aus einem historischen Dokument vortragt. Die Gruppe beginnt einen Tumult, brullt und wird von einem die Contenance nicht mehr ganz wahrenden Moderator (auch ich) niedergebrullt („Geht bugeln!“). Schlie?lich verlasst die Gruppe den Raum. Sharon Otoo, mit der zuvor abgesprochen war, dass das inkriminierte Wort in Zitaten verwendet werden wurde, geht ebenfalls.

Anna
Anna
11. Juni 2020 11:19

Danke für diesen Kommentar! Ich habe den Artikel von Charlotte Roche gerade erst gelesen und glücklicherweise direkt Ihren. Dazu kommt, dass mein Großvater so richtiger Ureinwohner ist und ich diesen Vergleich sich selbst als „Ind..“ zu nennen unter aller Sau und vor allem rassistisch empfinde. Als Weiße Frau die Natur entdeckt zu haben und sich selbst, zumindest einen Teil von ihr, dann I. zu bezeichnen, ist verletzend gegenüber den echten Ureinwohnern, deren Leben in der Natur sie schwer kennen mag und erst recht nicht deren diskriminiertes Leben.

Alltagshirngespinste auf Facebook

Aktuelle Tweets

[tweets]